Ein Herbst mit Bashō I – 23. September 2026

Vom 23. September, dem astronomischen Herbstanfang, bis zum 21. Dezember, dem Tag der Wintersonnenwende, gibt es an dieser Stelle jeden Mittwoch und jeden Sonntag ein Haiku des ältesten und wohl bedeutendsten der Großen Vier der japanischen Haiku-Literatur.

 

 

 

Juni 1689. Der 45jährige Bashō erreicht auf seiner Wanderung „auf schmalen Pfaden durchs Hinterland“ das Städtchen Hiraizumi, hoch oben im Nordosten der Hauptinsel Honshū. „Zwei Meilen abseits vom Ort“ besteigt er einen Hügel, um das berühmte Schlachtfeld am Koromo-Fluss zu betrachten. Dort hatten – fast auf den Tag genau 500 Jahre vorher – Bruderzwiste und Machtkämpfe zwischen rivalisierenden Clans zu einem furchtbaren Gemetzel geführt. 

Schon 1689 ist nichts mehr davon zu sehen. Die Sehnsüchte und Hoffnungen, die Ängste und das Grauen – Gras ist darüber gewachsen. Glanz und Größe sind nur Vorstufen von Auflösung und Zerfall, vom Vergehen – oder besser: Zurückkehren – ins Nichts.

In seinem Reisetagebuch schreibt Bashō: „Von dichtem Gestrüpp sind alle Spuren überwuchert. ‚Das Land ist verwüstet – Berge und Flüsse aber blieben unversehrt – über Burgruinen grünt, wenn der Lenz kommt, nur noch Gras!‘ – diese Gedichtworte gingen mir durch den Kopf. Mit meinem Bambushut unter mir ausgebreitet saß ich da, vergoss Tränen – und vergaß die Zeit.“

 

Sommergras
ist alles, was geblieben ist
vom Traum des Kriegers.

Bashō

 

 

Das Gedicht wird gelesen von Gernot Grünewald.

 

Ein paar Wochen später, schon auf dem Rückweg nach Edo, wird Bashō dann doch noch ein – groteskes – Erinnerungsstück an die japanische Schlachtengeschichte finden.

 

 

    • An welchem Tag im Juni 1689 Bashō vor dem Schlachtfeld bei Hiraizumi stand, konnte ich nicht ermitteln. Der Tag der Schlacht ist der 15. Juni 1189. Bashō war am 16. Mai 1689 in Edo (Tokio) losgegangen und hatte bis Hiraizumi etwa 450 Kilometer vor sich. Möglicherweise war er am 500. Jahrestag der Schlacht vor Ort. – Mit dem Shinkansen braucht man für die Strecke zweieinhalb Stunden – einmal umsteigen…
    • Bashōs Reisetagebuch „Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland“ ist in der Dieterichschen Verlagsbuchhandlung erschienen, übersetzt und vorzüglich kommentiert von G. S. Dombrady. Die hier gegebene Übersetzung des Haiku stammt aber von Dietrich Krusche. Andere Übersetzungen, auch einigermaßen kuriose, finden sich hier. Die meisten sind entnommen dem Aufsatz „Sommergräser und Heideträume – ein Beitrag zur Übersetzungstechnik beim Haiku“ von Robert F. Wittkamp (1997 in den „Nachrichten der Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens“ veröffentlicht); die Übersetzung von Lenny Löwenstern findet sich auf seiner wunderbaren Webpräsenz „hoshitori haiku“.
    • Geblieben ist immerhin ein kurzes, hochberühmtes Gedicht. Vor dem Chusonji-Tempel in Hiraizumi, ganz in der Nähe des alten Schlachtfeldes, findet sich eine Stele mit dem Text des Sommergras-Haiku und eine Statue des Meisters.