Ein Herbst mit Bashō II – 27. September 2026

Vom 23. September, dem astronomischen Herbstanfang, bis zum 21. Dezember, dem Tag der Wintersonnenwende, gibt es an dieser Stelle jeden Mittwoch und jeden Sonntag ein Haiku des ältesten und wohl bedeutendsten der Großen Vier der japanischen Haiku-Literatur.

 

 

 

September 1689. Seit vier Monaten ist Bashō unterwegs auf seiner Wanderung „auf schmalen Pfaden durchs Hinterland“. In Kumatsu – im Westen der Hauptinsel Honshū am Japanischen Meer gelegen, etwa auf der Höhe von Tokio – besucht er den Tada-Schrein. Dort bewahrt man den Helm eines legendären Samurai-Helden auf. Bei seiner letzten, verlorenen Schlacht war Saitō Sanemori deutlich über siebzig Jahre alt (so alt wie ich heute). Als man den toten Krieger vorsorglich enthauptete, stellte man fest, dass der alte Mann sich Bart und Haupthaar schwarz gefärbt hatte, um jugendlicher und kampftüchtiger zu erscheinen. 

Bashō war in eine Samurai-Familie hineingeboren worden und kannte solche Geschichten, hatte sich aber früh schon vom Kriegerwesen abgewandt, um sich der Literatur zu widmen. Er sieht und hört in dem zur Schau gestellten Helm etwas Eigenes und Besonderes – eine Grille hat es sich darin bequem gemacht…

 

Grausames Schicksal:
U
nter dem Helm sitzt nun
eine Grille und zirpt…

Bashō

 

Unfassbare Verwandlung. Kein Schlachtenlärm, kein Klirren von Waffen und Rüstungen, kein Traum des Kriegers – nur noch ein sanftes Zirpen.

 

 

Das Gedicht wird gelesen von Gernot Grünewald.

 

 

 

  • Den Helm, den Saitō Sanemori 1184 trug und den Bashō 505 Jahre später betrachtete, kann man, so lese ich, nach wie vor in Kumatsu anschauen. – Das Samurai-Museum Berlin beherbergt eine große Sammlung japanischer Prunkhelme.
  • Noch einmal der Hinweis auf Bashōs Reisetagebuch „Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland“, in der Dieterichschen Verlagsbuchhandlung erschienen, übersetzt und großartig kommentiert von G. S. Dombrady. – Die Photographie des Helms fand ich bei Dennis Kawaharada, der auf seiner Homepage Bashōs Reise nachvollzieht.
  • „Matsuo Bashō wurde in eine Samuraifamilie niederen Ranges hineingeboren, deren Lebenswelt er sich widersetzte“, schreibt Wiki. Die Vorstellung, dass sich der junge Bashō schon früh bewusst vom Militärwesen abwandte, „sich widersetzte“, wird allerdings von anderen biographischen Darstellungen nicht gestützt (aber auch nicht widerlegt). Die historischen Quellen sind wohl sehr spärlich.