Ein Herbst mit Bashō III – 30. September 2026

Vom 23. September, dem astronomischen Herbstanfang, bis zum 21. Dezember, dem Tag der Wintersonnenwende, gibt es an dieser Stelle jeden Mittwoch und jeden Sonntag ein Haiku des ältesten und wohl bedeutendsten der Großen Vier der japanischen Haiku-Literatur.

 

 

 

1689, im Hochsommer. Bashō besucht einen Tempel bei Yamagata, im Norden der Insel Honshū. „Fels auf Fels liegt da übereinandergeschichtet und bildet diesen Berg. Die Kiefern und Eichen sind hochbejahrt, die Erde und das Gestein uralt, das Moos ist von schlüpfriger Glätte. Einzigartig verschwiegen war die ganze Landschaft um uns, ich hatte das Gefühl, dass sie allein nur für uns da war, um unser Herz zu läutern.“

 

Stille…!
T
ief bohrt sich in den Fels
d
as Sirren der Zikaden…

Bashō

 

Ich erinnere mich, wie mir dieses Gedicht schon beim allerersten Lesen unmittelbar einleuchtete – was im Grunde erstaunlich ist, denn es vereinbart ja eigentlich Unvereinbares: die Stille und den Lärm der Zikaden, den harte Fels und das körperlose Sirren. Bashō gelingt es, dass diese Widersprüche fraglos hingenommen werden.

 

 

Das Gedicht wird gelesen von Marie Seiser.

 

 

 

  • Bashōs Haiku und seine (von mir geringfügig gekürzte) Erzählung entstammen seinem Reisetagebuch „Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland“, in der Dieterichschen Verlagsbuchhandlung erschienen, wunderbar übersetzt und klug kommentiert von G. S. Dombrady.
  • Ich schildere ein intuitives, ungelehrtes Verständnis des Gedichts. Man kann es aber auch in den Zusammenhang der Zen-Philosophie stellen, wie es z.B. Jürgen Gad in seinem Aufsatz „Zen, die Wabi-Sabi-Ästhetik und das Haiku“, zu finden in der Nummer 123 des „Sommergras“, der Vierteljahreschrift der Deutschen Haiku Gesellschaft, tut: „Nach der üblichen reduktionistischen-dualistischen Wirklichkeitsvorstellung schließen sich das Sirren der Zikaden und die Stille gegenseitig aus. Nun ist es aber ein Charakteristikum von Zen, dass die dualistischen Gegensätze auf einer höheren Ebene […] aufgehoben werden.“
  • Ein Reflex auf Bashōs Gedicht ist dieses eigene Haiku, entstanden an einem heißen Sommertag, hoch über dem Gardasee:
    der
    Blick auf den See
    das
    Buch fällt aus der Hand
    der
    Lärm der Zikaden