Haiku der Woche 7 – 15. Februar 2026

Joachim Meyerhoff schreibt in seinem neuen Roman „Man kann auch in die Höhe fallen“ sehr schön über die kleinen Literaturgattungen: „Aber dann gibt es auch noch die kleinen Formen, die keine allzu lange Lebensdauer haben. Eintagsfliegen aus Worten. Wie zum Beispiel den Schüttelreim, diesen Nichtsnutz, dessen Reimzwang sich so eng um seinen Inhalt schlingt wie ein Judogriff und der es nie soweit gebracht hat wie sein hochbegabter großer Bruder, der Haiku, der als runder Kiesel auf dem Grund eines Baches rollt oder sich als Nebelschwade im Wipfel eines Ginko verfängt.“ – Hier ein Versuch dazu.

 

Schnee tropft
a
us den Ästen meines Gingko.
Hoffnungsschimmer.


Wolfgang Volpers

 

 

Was aber den Kiesel auf dem Grund eines Baches betrifft, darf Morgensterns Klassiker einfach nicht fehlen:

 

Ein Wiesel
saß a
uf einem Kiesel
inmitten Bachgeriesel.

Wisst ihr
weshalb?

Das Mondkalb
verriet es mir
im Stillen:

Das raffinier-
te Tier
tat’s um des Reimes willen.


Christian Morgenstern

 

 

Ganz nebenbei:
Ich habe tatsächlich einen „Gingko“ in meinem Garten, Meyerhoff aber schreibt „Ginko“. – Im Japanischen gibt es keine Artikel, die Nomen haben kein grammatisches Geschlecht, daher ist der Streit darüber, ob es „der Haiku“ oder „das Haiku“ heißt, müßig. (Der Duden lässt „das Haiku“ als Nebenform zu.)