Idyll und Gewalt
Über die Sinfonische Dichtung „Die Mittagshexe“ von Antonín Dvořák
1896. In Turin wird „La Bohème“ uraufgeführt, in Frankfurt dirigiert Richard Strauss zum ersten Mal „Also sprach Zarathustra“, in Wien schreibt Johann Strauss den „Klipp-Klapp-Galopp“ – und in Prag erfindet sich der 65jährige Antonín Dvořák neu. Nach einem halben Jahrhundert absoluter Musik beginnt er mit den Sinfonischen Dichtungen „Der Wassermann“, „Die Mittagshexe“, „Das Goldene Spinnrad“ , „Die Waldtaube“ Geschichten zu erzählen.
Die Geschichte der „Mittagshexe“ ist eine Zumutung an Grausamkeit. Am Anfang ist die Idylle: das Kind ins Spiel versunken, die Mutter mit Hausarbeit beschäftigt. Aber das Kind wird unruhig und quengelt, die Mutter droht ihm, wenn es nicht brav sei, die Mittagshexe zu rufen. Die Drohung wirkt nur kurz, das Kind quengelt wieder, die Mutter ruft: „Mittagshexe, komm und nimm mir diese Nervensäge“… Und die Hexe kommt tatsächlich und greift nach dem Kind. Die Mutter versucht es zu verteidigen, aber mit den zwölf Schlägen der Uhr muss sie unterliegen. Als der Vater nichtsahnend nach Hause kommt, findet er seine Frau ohnmächtig vor, in ihren Armen das tote Kind. In das Wehklagen der Eltern mischt sich das thriumphierende Gelächter der Mittagshexe.
„Die Mittagshexe“ ist die wohl inspirierteste der im Jahr 1896 komponierten Sinfonischen Dichtungen. Der Hexenmeister Dvořák bleibt sehr nahe an der Geschichte und findet unmittelbar überzeugende musikalische Formulierungen,
für die idyllische Stimmung zu Beginn,

für das Quengeln des Kindes,

für die drohende Gewalt,

für die Mittagshexe selbst.

„Manchmal kommt das dramatische Element stark hervor“, schrieb Dvořák über seine Sinfonischen Dichtungen, stark untertreibend. Diese Musik ist mit ungeheurem Sinn für die Dramatik der Geschichte komponiert, die Fülle der genau erfassten verschiedenen Stimmungen ist beeindruckend. Dvořáks „Mittagshexe“ ist einfallsreich und meisterlich – und wird viel zu selten gespielt. Hinter der Neuen Welt gibt es noch viel zu entdecken.
Dieser Programmheftartikel entstand anlässlich zweier Konzerte der Hannoverschen Orchestervereinigung im April 2026.