Haibun der Woche 15 – 10. April 2022

Nun endlich wurde die Wohnung im Nachbarhaus aufgelöst, in der der Uralte noch sieben Jahre nach dem Tod seiner Frau ganz allein gelebt hatte. Die Enkelin hatte ein Entrümpelungsunternehmen beauftragt, und einen ganzen Tag lang schleppten drei junge Leute lachend und unentwegt plaudernd Möbel und Hausrat in die bereitstehenden Lieferwagen, bis sich die Enkelin die allzu aufgeräumte Stimmung verbat. Sie selbst trug über Stunden Papier in eine blaue Tonne, manches sorgfältig in kleine Schnipsel zerrissen, manches zu großen Packen zusammengebunden.

Sie wusste nicht, dass am nächsten Tag ein Sturm aufziehen würde, der die blaue Tonne umwarf und Akten, Rechnungen, Briefe und Ansichtskarten in unseren Vorgarten fegte. Auch ein kleines, in Leder gebundenes Adressbüchlein war darunter, einige Einträge in Sütterlin geschrieben. Bis zur Dämmerung war ich damit beschäftigt, die Papierschnipsel aus dem Gebüsch herauszuklauben, letzte Reste eines langen Lebens.

 

All diese Namen
all die Städte und Straßen
zwischen den Dornen

Wolfgang Volpers

 

 

Ein Haibun, erklärt Wiki, ist „eine knappe, von subjektiven Eindrücken durchzogene Skizze, in der meist gegen Ende ein Haiku eingebettet ist, das pointierenden Charakter besitzt, wodurch die Beschreibung lebendig und unterhaltsam wird“. Zu zwei schönen Haibun von Hartmut Schulz und mir selbst geht es hier und hier.