Das Heiligtum an der Front – Auf dem Monte Cas

Von Toscolano am westlichen Ufer des Gardasees nach Norden fahrend muss man die ersten der berüchtigten Tunnel durchfahren und den Schock überwinden, dass einem in den schwach beleuchteten Gallerien Rennradfahrer ohne Licht und ohne Sinn für ihr Risiko entgegenkommen. Kurz nach Gargnano nimmt man die steile, kurvenreiche und wunderschöne Straße nach Tignale und fährt dann weiter nach Prabione. In diesem Dorf stellt man sein Auto ab, geht an einem Schwimmbad ohne Wasser und einem Hubschrauberlandeplatz ohne Hubschrauber vorbei (zu letzterem erklärte mir Marco, der barista,  „qualche anno fa“ sei allerdings tatsächlich einmal ein Hubschrauber gelandet). Gleich hinter den in den Wald hineingebauten Installationen eines in der Regel verlassenen Adventure Parks geht es dann steil-steil hinauf auf den Monte Cas. Denjenigen, die nicht aufgeben, zeigen sich grandiose Ausblicke auf das westliche Seeufer und die höher gelegenen Fluren und Ortschaften, später auf das gegenüberliegende Ufer und das Massiv des Monte Baldo. Wenige Meter unterhalb des Gipfels führt der Weg dann südwärts hoch oben über steil abfallende Klippen. Der Blick nach Osten und Süden ist spektakulär; auf der Bergseite blickt man immer wieder in eigenartige von Menschenhand gemachte Kammern und Stollen und lernt, dass sie im Grande Guerra militärischen Zwecken dienten, als die Front zwischen Österreich-Ungarn und Italien hier verlief. Wer veranlasste, dass hier oben in kaum zugänglichem, nur auf hochgefährlichen Pfaden erreichbarem Gelände diese Stellungen errichtet wurden? Wer zwang die Soldaten, mit unvorstellbarer Mühe die Teile schwerer Kanonen hierher zu schleppen und in der Höhe über dem Abgrund zu montieren? Wer erdachte die „attrezzature fotovoltaiche“, die man installierte, um den Feind wie mit einem Fliegenfänger irrezuführen? (Offenbar stellte man große Scheinwerfer auf, die mit ihrem Lichtstrahl den Feind anlocken sollten, während die Scheinwerfer auf Gleisen in ihre Kammern zurückrollten, wo sie mitsamt dem Personal durch stählerne Türen geschützt waren.) Den Kopf schüttelnd erreicht man etwas später am Südhang des Berges das Eremo di Montecastello, wo wohl wirklich einige Geistliche wohnen, die aber nicht eremitisch leben, sondern, wie die geparkten Kleinwagen vermuten lassen, außerhalb ihren Geschäften nachgehen. 

Man geht um die Gebäude herum und gelangt auf den schön gepflasterten Platz vor der Wallfahrtskirche Santuario di Montecastello, die auf einem 700 Meter fast senkrecht zum Gardasee abfallenden Felssporn errichtet wurde – ein nun wirklich atemberaubender Anblick. Ein eigentlich unmöglicher Ort, um ein großes Heiligtum zu errichten, aber nach einigen Minuten ist man überzeugt, das gesamte Ensemble (die Vorgebäude und die über zwei prächtige Treppen erreichbare Kirche selbst), könne nur so und nicht anders aussehen. Offenbar gab es schon um 800 hier einen ersten „tempietto“, die heute sichtbare Anlage ist in den Jahren um 1600 entstanden. Ein heller Stern soll plötzlich über dem Felsen erschienen sein, um das Ende einer blutigen Schlacht zwischen Brescianern und Trentinern anzumahnen, und später auch die Heilige Jungfrau selbst. Ihre Wundermacht hatte allerdings, wie die nur wenige hundert Meter entfernten Gefechtsanlagen beweisen, nicht bis zum Ersten Weltkrieg Bestand.

Wenn man in der meist stillen Kirche mit dem goldglänzenden Altar und den der Gottesmutter – und etwas abseits, im Seitenschiff, auch dem Heiligen Josef – geweihten Fresken verweilt hat, verlässt man den heiligen Ort zunächst auf der offiziellen Zufahrtsstraße, biegt aber am Fuß des Berges nach Norden ab und gelangt dann bald wieder zu dem Adventure Park, dem Hubschrauberlandeplatz und dem wasserlosen Schwimmbad von Prabione. Auf der Rückfahrt hinunter zur Strada statale am Ufer sollte man bei der Bar in der Kurve (man kann sie nicht verfehlen) anhalten und, vielleicht mit einem Glas Aperol in der Hand, zum wenige Meter weiter unten gelegenen Aussichtspunkt gehen, um über die zwiespältigen Eindrücke dieser Wanderung nachzusinnen.

 

 

Und hier noch ein schöner Rundumblick von fast vom Gipfel:

Von Norden nach Süden