Siebenmal Christoph Ransmayr für die einsame Insel

Es braucht mich oder diesen Beitrag nicht um festzustellen, dass Christoph Ransmayr ein großer Schriftsteller ist. 33 Literaturpreise hat er bekommen, den Franz-Kafka-Preis und den Franz-Nabl-Preis, den Born-Preis und den Börne-Preis, Preise der Städte Köln, Wien und auch einen von Bad Homburg vor der Höhe. Ich selbst bin Fan, seitdem mir in der Mitte der Achtzigerjahre das Buch „Die Schrecken des Eises und der Finsternis“ in die Hand fiel, das ich mehrmals gelesen habe und das mich zum Finale „Das Eismeer des Alters“ aus dem Musical „Treibgut“ geführt hat.
Während ich die dystopischen Roman-Räume der „letzten Welt“ und zuletzt des „Fallmeisters“, zwar fasziniert, aber immer auch etwas ängstlich betrete, lese ich Ransmayrs erzählende Reportagen oder Reiseberichte immer wieder – die Sammlungen „Der Weg nach Surabaya“ und „Atlas eines ängstlichen Mannes“ liegen ständig bereit. Aus diesen habe ich hier sieben Texte und Höhepunkte herausgeklaubt – wer die beiden Bücher kennt, wird sich mit Hilfe dieser Bruchstücke gern an sie erinnern; wer sie nicht kennt, wird von ihnen vielleicht zur vollständigen Lektüre dieser kleinen Meisterwerke ermuntert.

 

1. Kaprun – Oder die Errichtung einer Mauer (1985)
Ransmayr berichtet über den Bau des Kraftwerks Kaprun, das, schon von den Nazis geplant, in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, im Hochgebirge knapp unterhalb von Dreitausendern wie dem Großglockner, entstand. Ransmayrs Schilderung der „Tragödien und Triumphe, die man in den Jahren der Errichtung der weithin in den Hohen Tauern verstreuten Anlagen des Speicherkraftwerkes Glockner-Kaprun beklagt und gefeiert hat“, beginnt mit einer „Beiläufigkeit“, dem Untergang der Ratten in der Zeit des ersten Anstaus dort oben, 1949 oder 1950.
Es war ein dünner, panischer Gesang. Wenn das Gebirge leiser wurde, schwächer die Windstöße über den Geröllhalden und Felsabstürzen und eine emporrauchende Nebelwand auch das Getöse der Großbaustelle Limberg zu einem fernen Dröhnen dämpfte, dann hörte man diesen Gesang. Es war das Todesgeschrei der Ratten. Naß, zerzaust, in schwarzen Scharen waren die Ratten aus den Ruinen des Arbeiterlagers am Wasserfallboden gekrochen, aus den ins Gestein gesprengten Latrinen, Abfallgruben und Stollen, und hatten sich vor der Flut zu retten versucht. Wochenlang hielten sie einen Felskegel besetzt, eine täglich kleiner werdende Insel, und pfiffen und schrieen ihr Entsetzen gegen das schon unerreichbare Ufer, kletterten immer höher, kämpften um jeden Halt ihrer verschwindenden Zuflucht, fielen schließlich übereinander her. Das Gletscherwasser füllte alle Gruben und Hohlräume aus, drängte in jede Falte des Hochtales, hob liegengebliebenes Bauholz, Balken, Gerüstteile auf und schloß sich über allem, was sich nicht heben ließ. Der Spiegel des Limbergstausees hoch über Kaprun und sechzehnhundert Metern über dem Meer, stieg ruhig, träge, stieg, überspülte schließlich die Zuflucht der Ratten und wusch den Stein leer.

 

2. Die ersten Jahre der Ewigkeit – Der Totengräber von Hallstatt (1988)
Der Karner, das Beinhaus, ist eine der Sehenswürdigkeiten von Hallstatt am Hallstätter See im Salzkammergut. Über 600 Totenschädel liegen dort, meist bemalt und mit den Namen der Verstorbenen versehen. Christoph Ransmayr hat sich den Karner und den Totengräber genau angesehen.
Das Beinhaus, hatte mir der Pfarrer von Hallstatt erklärt, sei das eigentliche Grab der Gemeinde. Draußen am Friedhof, da lägen die Evangelischen noch von den Katholischen getrennt. Aber im Karner gebe es keine Unterschiede mehr – keine Zeichen des Bekenntnisses und der sozialen Stellung. Im Karner sei endlich alles so, wie es sein sollte.
Mit den ersten Schlägen der Sterbeglocke setzt auch die Blechmusik ein. Ein böiger Wind springt kalt aus den Gassen und raspelt auf dem Seespiegel rasch dahingleitende, schwarzblaue Schatten auf. Kein Wind zum Sterben. Im Südwind, hatte der Totengräber gesagt, werde viel gestorben. In der Kälte würden die Kranken und Alten noch einmal alle Kräfte aufbieten und auf eine mildere Zeit hoffen. Aber gerade dann, in der Erleichterung des Südwinds, im Aufatmen und Nachlassen der Aufmerksamkeit, käme der Tod.

 

3. Der Weg nach Surabaya – Protokoll einer Lastwagenfahrt (1992)
Eine grandiose Parabel. Zwei Lastwagen schaukeln auf dem Abhang eines Vulkans im Osten Javas, auf dem Weg nach Surabaya, hintereinander her, ein Überholen ist nicht möglich. Auf dem einen Lastwagen einige Hirten oder Schlachter, Schafe und Schweine. Auf dem anderen Lastwagen der Erzähler, der den Vorausfahrenden etwas aus einer Zeitung vorliest oder vorschreit. Diese haben keine Zeitung und können vielleicht gar nicht lesen, der andere hat die Zeitung, versteht aber die Sprache und den Text, den er vorliest oder vorschreit, nicht. Sie kommen einander nicht näher, nur einmal, als endlich das Überholmanöver gelingt, im Abschied, berühren die Hände des einen Lastwagens für einen Moment diejenigen des anderen.
Ich 
las also Satz für Satz, Worte, die ich nicht verstand. Ich weiß nicht, ob alle meine Zuhörer lesen konnten, wußte aber, daß sie verstanden, was ich las. So fuhren wir an Kakaoplantagen vorüber, fuhren unter ungeheuren, prellweißen Kumuluswolken dahin, die sich über dem Vulkan auftürmten und seinen Kegel bis in die Stratosphäre zu überhöhen schienen.
Ich 
weiß nicht, ob meine Zuhörer mich für einen rotköpfigen Narren oder bloß für einen etwas plump gestalteten Ausländer hielten, mit dem die Fahrzeit etwas schneller verging. Sie klatschten gelegentlich, lachten oft, und einer, der ein schwarzes Ferkel zwischen den Beinen eingeklemmt hielt, zog dem Tier manchmal die Ohren hoch wie einer Fledermaus. Ob er das Schweinchen, das sich wand und vergeblich zur Wehr setzte, dadurch zur äußersten Aufmerksamkeit zwingen oder bloß in die Karikatur eines Zuhörers zwingen wollte… Auch das weiß ich nicht.

 

4. Reviergesang – China (2012)
Ransmayr wandert über die Chinesische Mauer, auf einem Mauerabschnitt, der wegen seiner Steilheit und seiner verfallenen Passagen wenig begangen wird. Für Stunden begegnet er niemandem, dann trifft er auf einen weißhaarigen Europäer, der in der Gegenrichtung unterwegs ist. Für eine kurze Zeit bleiben sie beieinander stehen, der Europäer erweist sich als Birdwatcher, der seit Jahren schon auf der Mauer unterwegs ist, um Singvögel zu beobachten, zu fotografieren und ihre Gesänge mit einem kleinen Kassettenrecorder aufzuzeichnen.
Die Lieder der Singvögel dienten bloß der Liebe und der Erhaltung der Art, sondern waren weit mehr noch Reviergesang und mußten durch ihre weithin hörbare Lautstärke, ihre Vielfalt, Virtuosität, einen Rivalen entweder auf Abstand halten oder ihn in die Flucht schlagen. Amseln jedenfalls konnten ein Dutzend anderer Vogelstimmen, selbst Geräusche aus der Menschenwelt nachahmen, das Weinen eines Kleinkinds, ferne Motoren, Gelächter, Sirenengeheul… und besangen so ihre Reichsgrenzen, als ob sie damit gleichzeitig alle Plumpheit, Erdgebundenheit und jeden verspotteten, der nicht das unbeschreibliche Glück hatte, ein engelsgleich gefiedertes, engelsgleich singendes Wesen zu sein, das die Freiheit genoß, sich jederzeit in die Luft zu erheben oder sich von höchsten Türmen, Bäumen oder Klippen in die Tiefe zu stürzen, im Fallen die Schwingen auszubreiten, plötzlich zu schweben und sich vom Aufwind zurücktragen zu lassen in den Himmel.

 

5. Strömung – Kambodscha (2012)
Der Tonle Sap in Kambodscha ist wohl der einzige Fluss auf der Erde, der im Laufe des Jahres seine Fließrichtung wechselt. Während der Regenzeit fließt ein Teil des Mekong-Wassers über den Tonle-Sap-Fluss in den Tonle-Sap-See. Wenn der Mekong während der Trockenzeit einen niedrigeren Pegel hat, fließt Wasser aus dem See zum Mekong zurück. Dann, wenn der Fluß im November seine Fließrichtung ändert, wird bei Pnom Penh das Wasserfest gefeiert. Ransmayrs Bootsführer Ho Doeun ist dabei.
Unter dem großen Feuerwerk dieses Festes würde Ho Doeun eine mit Lotos und Lichtern beladene Nachbildung seines Bootes in die Wellen des Tonle Sap setzen. Und sein Schiff würde mit Abertausenden anderen, Flammen tragenden Flößen, Schiffchen aus Bananenblättern, Bambus und Seide, davontanzen und so die Strömungsumkehr des Flusses der Khmer in einer Lichterprozession in die Dunkelheit schreiben: ein flackerndes, fließendes Feuerzeichen, daß nichts, weder das Wasser noch die Zeit, noch das durch die Abgründe des Himmels wandernde Leben bloß einer einzigen, für immer festgelegten Richtung folgte.

 

6. Die Königin der Wildnis – Brasilien (2012)
Unterwegs auf einer kleinen Straße im brasilianischen Urwald. Ransmayrs Gastgeber stoppt respektvoll seinen tonnenschweren Geländewagen, als er eine Riesenschlange über die Straße gleiten sieht. Eine ausgewachsene Anakonda, die Königin der Wildnis, hat kaum noch natürliche Feinde. Dieser Anakonda aber bleibt, wie sich zeigt, zur Herrschaft nur noch das Totenreich.
Die Riesenschlange, die langsam, sehr langsam und unbeirrt von unserer Gegenwart über die Straße kroch, mußte sechs, sieben Meter oder länger sein, ihr Schwanz war noch im Dickicht an der linken Straßenseite verborgen, während ihr Kopf für einen Augenblick zwischen dürren Grasbüscheln an der rechten Straßenseite auftauchte und gleich wieder verschwand. Wir sahen das wellenförmige Ornament auf ihrem Rücken langsam an uns vorüberfließen, als auf der Hügelkuppe vor uns ein Lastwagen auftauchte, das erste Fahrzeug vor unserem Aufbruch, und auf uns zukam wie auf der Flucht vor einer hinter ihr aufrauchenden, die Straße und ihre Ränder verschlingenden Staubfahne. Auf der Ladefläche standen Landarbeiter, die sich an den Bordwänden festhielten und den erhobenen Arm des Fazenderos, der warnen und die Anakonda schützen wollte, vielleicht für einen Gruß hielten. Sie winkten zurück, lachten, kamen rasch näher.
Aber der Fahrer des Lastwagens brauchte keine Warnung. Er hatte die Schlange längst gesehen und verringerte die Geschwindigkeit nicht, sondern fuhr wie von Jagdlust oder bloßer Wut, vielleicht Angst getrieben auf sie zu – und über sie hinweg. Und für einen Augenblick sah es aus, als setzte der Laster mit seinen hölzernen Bordwänden und seinen lehmverkrusteten Zwillingsrädern wie ein monströses Untier durch einen Dressurreifen, denn das über sie hinweg donnernde Gewicht ließ die Anakonda zu beiden Seiten des Gefährts, ihren Kopf, ihren Schwanz hochpeitschen und so einen Bogen bilden, der kaum ausgespannt, in den roten Staub zurückfiel, während der Wagen, ohne stehengeblieben, ja, ohne auch nur langsamer geworden zu sein, verschwand und uns, die überfahrene Anakonda, die Erdstraße, den Urwald, in einem roten Nebel zurückließ, der sich nur zögernd lichtete. 

 

7. Abschied –  Österreich (2012)
Eine Allerweltskatastrophe – aber eben: Katastrophe – in der oberösterreichischen Gemeinde Lambach. Das Herz des pensionierten Lehrers hört auf zu schlagen, während er auf einer Bank sitzt, auf den Bus wartet und mit seiner Freundin kleine Pläne für die Zukunft bespricht. Da sitzt er nun, als wäre er im eben gesprochenen Satz eingeschlafen. Die Freundin, der Apotheker, der Arzt, sie alle können nicht mehr helfen, die Sanitäter bringen den Leichnam in die Totenkammer des nahen Friedhofs und überlassen ihn den Bestattern. In den letzten sieben Worten der Erzählung wird offenbar, was man geahnt und befürchtet hatte.
Die Kleidung des Toten – eine helle, kurze Hose, Sandalen ein kurzärmeliges Hemd – stand in einem seltsamen Widerspruch zu dem schwarzen Katafalk, auf dem er lag. So luftig gekleidet saß man auf sommerlichen Parkbänken, in Liegestühlen, am Springbrunnen eines Parks.
Die Haut des Toten, sein Gesicht, seine Arme, hatten in den ersten Stunden der Ewigkeit die Farbe des Herztodes angenommen, der das hellrote, fließende Blut unter Sauerstoffmangel blau, blauviolett erscheinen ließ. Ich glaubte, an der rechten Hand des Aufgebahrten noch die Restwerte des Lebens zu spüren, als ich sie ergriff. Der Gehilfe des Bestatters sah mich nicht an, sah aber eine Tränenspur, die über diese blaue Hand lief, und wollte mich trösten und zeigte behutsam auf die Stirn des Toten und sagte, das wird verschwinden, das Blau wird verschwinden, am Abend wird Ihr Vater wieder sein, wie er war.

 

Das Beitragsbild verdanke ich „Amrei-Marie“. Es stammt von der deutschen Wikipedia und zeigt Christoph Ransmayr auf der Leipziger Buchmesse 2018.