Telemann, der Andreaner

(Das Hildesheimer Gymnasium Andreanum feierte im Jahr 2000 sein 775jähriges Bestehen, und zu diesem Anlass wurde ich damals gebeten, den vielleicht berühmtesten Schüler der Schule mit einigen Zeilen zu würdigen. Inzwischen ist einige Zeit vergangen; vor allem ist Siegbert Rampes umfassende und großartig gelungene Biographie erschienen, die einiges an Telemann-Schrifttum überflüssig macht. Als kurze Charakteristik Telemanns und seiner Hildesheimer Schulzeit kann der jetzt 17 Jahre alte Beitrag aber sehr wohl bestehen;  die zurückhaltende Bewertung der Bedeutung der Hildesheimer Zeit für die Entwicklung des Komponisten („es kann in einem Jubiläumsjahr nicht schaden sich vorzustellen…“) am Schluss des Aufsatzes finde ich heute immer noch sehr treffend. – Zu dem Buch Gerhards Dietels, das im zweiten Absatz mehrfach zitiert wird, finden sich hier einige Informationen.

 

Georg Philipp Telemann (1681 – 1767) galt noch vor wenigen Jahren als einer jener Vielschreiber des musikalischen Barock, dessen Werke zwar als „Tafelmusik“ gut verdaulich, als Musik mit Kunstanspruch jedoch fade, langweilig und im Grunde überflüssig sind. Allenfalls Laienmusiker – oder Bratscher! – schätzten seine nicht allzu schwer aufführbaren Werke. Wie sollte auch ein Mann, der wahrscheinlich mehr schrieb als Bach und Händel zusammen, ein Mann, von dem allein 1400 Kirchenkantaten und 46 oratorische Passionen überliefert sind, mehr zustande bringen als eine Musik aus der Zeit für die Zeit, eine Musik für den alltäglichen Gebrauch in Kirchen und fürstlichen Esszimmern, eine Musik wert des gründlichen Vergessens! In den letzten Jahren allerdings deutet sich im Musikschrifttum und in den Feuilletons eine Neubewertung an: Da ist von der Fülle des Einfallsreichtums im Spätwerk die Rede, von dem Tiefgang gewisser Sonatensätze oder von originellen und zu seiner Zeit unerhörten Konzeptionen.

Immerhin ist es Telemann, der das Selbstbild und die Stellung seines Berufsstandes revolutioniert hat. Er vollzieht ganz bewusst den Schritt aus höfischer und klerikaler Abhängigkeit, indem er sich in den freien Städten Frankfurt und Hamburg niederlässt: „Wer zeit Lebens fest sitzen will, muss sich in einer Republik niederlassen!“ Dieser „Prototyp des modernen Unternehmers im Musiksektor“ (Gerhard Dietel) veröffentlicht seine Werke zur Subskription oder in Form einer Fortsetzungsschrift und wird zum Pionier des musikalischen Urheberrechts. Im Unterschied zu Bach – der trotz mancher avantgardistischen Züge seines Spätwerks eher als Vollender gelten kann, der über die Musik seiner eigenen Kinder durchaus den Kopf geschüttelt haben mag – bleibt Telemann auch im hohen Alter experimentierfreudig und neuerungslustig. (Als er 86jährig stirbt, ist Wolfgang Amadeus Mozart 18 Jahre alt. Im Jahr seines Todes wird Glucks „Alceste“ uraufgeführt.) Immer wieder stößt man in der Fülle seiner Produktion auf Neues, auf Besonderes, auch auf Kauziges. Von Telemann stammt eines der ersten und das erste bedeutende Bratschenkonzert der Musikgeschichte; Telemann, der polnische und hanakische Volksmusik in seine Werke zu integrieren liebte, schrieb die erste „Polonaise“; in Telemanns „Gulliver Suite“ findet sich eine „Lilliputsche Chaconne“ im 3/32- und eine „Brobdignagische Gigue“ im 24/1-Takt. Noch 1765 bringt der greise Meister die Kantate „Ino“ heraus, die in ihrer Tendenz zum klassischen Stil an Glucks Musikdramatik erinnert (Dietel).

Was über Telemanns Hildesheimer Zeit bekannt ist, wissen wir aus seinen Selbstbiographien aus den Jahren 1718 und 1739: Mein Vorgänger, der 1983 verstorbene Adolf Hoffmann, hat sich immer wieder mit dieser Epoche beschäftigt und seine Forschungsergebnisse in mehreren Aufsätzen und in Buchform niedergelegt. Für ihn sind die Jahre 1697 – 1701, in denen Telemann Schüler am Andreanum war, eine im Werdegang des Komponisten „wesentliche und entscheidende Entwicklungszeit“, in denen der „Autodidakt“ Theater und Konzerte in den benachbarten Musikhochburgen Hannover und Braunschweig-Wolfenbüttel besuchte und seine instrumentalen Kenntnisse und Fähigkeiten vervollkommnete. Was er außer Musik noch betrieb, setzte ihn instand, im Jahr 1701 an der Universität Leipzig ein Jurastudium zu beginnen (das er allerdings bald gelangweilt wieder aufgab).

Auch wenn wir insgesamt wenig wissen, es wird deutlich, dass die Hildesheimer Jahre eine recht unbeschwerte Zeit für Telemann gewesen sein müssen, und eine Zeit des besten Einvernehmens zwischen Schulleitung und Schüler. Die Lieder aus der „Singenden Geographie“, von Hoffmann aufgefunden und herausgegeben, schrieb der etwa 18jährige auf Texte seines Direktors Johann Christoph Losius. Die 36 Stücke vermögen sicherlich, zur Gänze in einem Konzert dargeboten, unsere Aufmerksamkeit nicht durchgängig zu fesseln, sind aber als einziges erhaltenes Frühwerk von einigem historischen Interesse. Nicht erhalten ist die Musik zu Losius’ Schuldramen: „Der Herr Losius pflegte jährlich ein oder zwey Schauspiele poetisch zu verfassen und aufzuführen, also dass die Rezitative geredet, die Arien aber gesungen wurden; und zu diesen musste ich die Musik setzen.“ (Telemann 1739)

In einem Jubiläumsjahr wie diesem kann es nicht schaden sich vorzustellen, dass dieser einzigartige Mann, dieses einzigartige Werk von seiner Hildesheimer Schulzeit angeregt und mitgeprägt worden ist. Nun denn also: Arbeitsdisziplin, Fleiß, Humor, nie erlahmende Neugier, die Fähigkeit zur wiederholten Neuorientierung, die stete Bereitschaft zur steten Reorganisation der eigenen künstlerischen Auffassungen: all das hat Georg Philipp Telemann – auch – am Gymnasium Andreanum gelernt.