Ein wahrer Seelsorger
Kurze Notiz zu Johann Sebastian Bachs „Liebster Gott, wann werd ich sterben“ – BWV 8
Das erste Mal glaubte ich, ich hätte den falschen Track angewählt…
Die Orchestereinleitung zum Eröffnungssatz von Johann Sebastian Bachs Kantate BWV 8 ist bezaubernde Musik. Die wie Girlanden geflochtenen Melodien der beiden Oboen d’amore und die ruhig-gleichmäßigen Begleitung lassen vielleicht an eine Liebesmusik denken, vielleicht – mit dem Gezwitscher in der hohen Flöte – an eine Naturszene, vielleicht (wenn man eine der modernen Interpretationen mit einem raschen Tempo wählt) an einen Hirtentanz… Die erste Textzeile kommt dann als Schock: „Liebster Gott, wann werd ich sterben?“
Der Hörer der Bach-Zeit, der wie der Komponist selbst an tönende Bilder und Symbole gewöhnt war, mag nicht in diese Falle getappt sein. Deswegen unternehme ich nun den Versuch, die ersten Takte als Bild und Symbol zu hören, und gehe dabei aus von einer analytischen Partitur, die alles Wesentliche zusammenfasst:

Als Bass hören wir immer denselben Ton, ein unerschütterliches Fundament, das die harmonische Bewegung der Oberstimmen nicht mitmacht. Die Pizzicati der Geigen und Bratschen bilden die einfachen Mauern des auf diesem Fundament errichteten Gebäudes, das ich mir als eine feste Burg, eine Kathedrale vorstelle. Wie jedes barocke Bauwerk ist auch dieses mit prächtigem Schmuck, mit ausladenden Ornamenten ausgestattet. Ganz oben in der Kathedrale hängt die Glocke – und die wurde von dem Hörer der Bach-Zeit als Sterbeläuten verstanden. Über diesem Klanggrund, der im folgenden phantasievoll variiert, aber nicht mehr prinzipiell geändert wird, entfaltet sich die wunderbare Melodie des Chorsoprans – eher liedhaft ausschwingend als choralartig.
Der Tod ist also durchaus in dieser Musik enthalten – und die Schönheit dieser Musik, die Ruhe und der Frieden, den sie ausdrückt, verständlich auf dem Hintergrund eines seiner selbst gewissen Christentums, der das Leben im irdischen Jammertal als Durchgangsstation zum eigentlichen, dem Leben bei Gott, versteht. Die zweite Arie dieser Kantate BWV bringt es auf den Punkt:
Doch weichet, ihr tollen, vergeblichen Sorgen!
Mich rufet mein Jesus: wer sollte nicht gehn?
Nichts, was mir gefällt,
Besitzet die Welt.
Erscheine mir, seliger, fröhlicher Morgen,
Verkläret und herrlich vor Jesu zu stehn.
Todessehnsucht wäre das falsche Wort, wenn man es romantisch verstehen würde: Hier geht es, zumindest für den, der sich diesen Glauben als Gewissheit erarbeiten konnte, um die Befreiung von der Lebensmühsal, der es standzuhalten gilt, bis die endgültige Heimkehr zu Gott vollzogen werden kann. Die Kantate „Schlage doch, gewünschte Stunde“ (BWV 53) macht dies überdeutlich:
Schlage doch, gewünschte Stunde,
Brich doch an, du schöner Tag!
Kommt, ihr Engel, auf mich zu,
Öffnet mir die Himmelsauen,
Meinen Jesum bald zu schauen
In vergnügter Seelenruh‘!
Ich begehr‘ von Herzensgrunds
Nur den letzten Zeigerschlag!
Der Musikwissenschaftler Hellmut Kühn verdeutlicht wunderschön diese Zusammenhänge : „Von Anfang an scheint in Bachs Werk das Lieblingsthema auf, das sich in die Worte bringen lässt: ‚Schlage doch, gewünschte Stunde‘. Seine Musik malt die Todespforte in den wunderbarsten Farben aus. Dadurch lädt er uns ein, sie ohne Angst zu betrachten, legt er einen bunten Schleier über das Dunkel, das hinter ihr lauert. Er will uns die Frucht vor dem gähnend offenen Grab nehmen und schenkt uns in seiner gerade bei diesem Thema so milde aufklingenden Kunst eine wenig Vorfreude auf das Jenseits. Er ist ein wahrer Seelsorger.“
Nachtrag:
Lange nach dem Abschluss dieses Programmheftartikels lernte ich die etwas abweichende Interpretation von Martin Geck kennen: „‚Das Sterbegeläut der Stadtkirchen Leipzigs bestand aus fünf Glocken, deren höchste, das Totenglöcklein, in schnellen, schrillen Pulsen bimmelte’, schreibt Arnold Schering, ein Kenner der Leipziger Musikgeschichte. Und eben das hohe Sterbeglöckchen erklingt unüberhörbar, fast aufdringlich, im Kopfsatz der Kantate ‚Liebster Gott, wenn werd’ ich sterben’. Im abgedunkelten, gedämpften Klang der vier Streicherstimmen darf man den Klang der tieferen Glocken wiedererkennen.“ – Wikipedia hört in diesen Flötentönen etwas ganz anderes: „Eindrucksvoll malen die hohen Tonrepetitionen der Soloflöte im Eingangssatz das Ticken der Lebensuhr.
Die erwähnte Kantate BWV – eigentlich nur eine Arie – gilt seit etwa 1950 als nicht von Johann Sebastian Bach komponiert, sondern wahrscheinlich von Melchior Hoffmann.
Die schnellste mir bekannte Version des ersten Satzes von BWV 8 ist die von Joshua Rifkin mit dem Bach Ensemble, die langsamste die mit dem Münchner Bach-Chor und Bach-Orchester unter Karl Richter. Die letzteren brauchen 8:20, Rifkin schafft es in 5:45 Minuten.
Literatur:
Hellmut Kühn, Johann Sebastian Bach, Musik an der Wende der Zeit, 1984 (hier ein weiterer Hinweis auf dieses beeindruckende Buch)
Martin Geck, Denn alles findet bei Bach statt, 2000