Siebenmal Thomas Mann für die einsame Insel

Es ist natürlich absolut dilettantisch und banausenhaft, die großen Werke des Meisters auf einzelne „schöne Stellen“ zu reduzieren. Hier offenbart sich ein unerträglich regressives Literaturverständnis, welches … usw. usw.

Aber auf der einsamen Insel ist nun einmal nicht Platz für die Gesamtausgabe und die Sekundärliteratur. Und auch der Meister selbst dachte ja an eine besondere Stelle, als er sich an die fast zwanzigjährige Arbeit an „Joseph und seine Brüder“ machte (es ist nicht die Stelle, die ich auf die Insel mitnehme); auch der Meister selbst freute sich, wenn er ein Glanzstück wie die Musterungsszene aus dem „Krull“ vorlesen durfte. 

Dies vorausgeschickt, beginne ich wie folgt.

  1. „Buddenbrooks“ (1901), Thomas macht sein Testament – Der Autor ist ja bewundert worden für das grausame Geschick, mit dem er eine ganze Familie ausgerottet hat. Am Ende sind tatsächlich nur die in zwei Ehen gescheiterte Tony, ihre resignierte Tochter, die arme, aschgraue Klotilde und die drei jungfernhaften Töchter Onkel Gottholds übrig geblieben; Christian, der einzig überlebende Mann, ist in der Anstalt eingeschlossen. Thomas Buddenbrook ist schon im zehnten der elf Bücher gestorben, an den Folgen einer Zahnoperation, wohl auch des Lebens müde, aber nicht ohne sein Testament zu machen. – „Ida Jungmann kam und sagte: ‚Hannochen, mein Jungchen, wo bleibst du, was wirst du hier herumzustehen haben.‘ Der bucklige Lehrling kam aus dem Comptoir, eine Depesche in der Hand, und fragte nach dem Senator. Und jedesmal streckte der kleine Johann seinen Arm in dem blauen mit einem Anker bestickten Matrosenärmel waagerecht vor der Tür aus, schüttelte den Kopf und sagte nach einem Augenblicke des Schweigens leise und fest: ‚Niemand darf hinein. – Papa macht sein Testament.‘“
  2. „Felix Krull“ (1922), das Musterungskapitel – „Allein ich gewahre in des Lesers Miene die Sorge, dass ich über so vielfältigem Anteil der heiklen Frage meines militärischen Verhältnisses leichtsinnigerweise völlig vergessen haben möchte“, so beginnt Thomas Manns humoristisches Meisterstück. – Der junge Felix hat große Pläne für die Zukunft, muss sich aber erst der Musterungskommission stellen. Er geht die Sache „streng wissenschaftlich“ an und erwirbt eine „Druckschrift klinischen Charakters“, in deren Lektüre er sich „mit ebensoviel Eifer als Nutzen“ vertieft. Dem Oberstabsarzt, den er mal als Generalarzt, mal als Lazarettkommandant, mal als Stabsphysikus tituliert, spielt er einen epileptischen Anfall vor, der zum gewünschten Resultat führt: Ausgemustert! – „Der Oberstabsarzt war zurückgetreten, noch immer das Wasserglas in der Hand. ‚Sind Sie bei Sinnen?‘, fragte er mit einer Mischung aus Ärgerlichkeit und Teilnahme in der Stimme… ‚Zu Befehl, Herr Kriegsarzt‘, erwiderte ich in dienstfertigem Tone. ‚Und bewahren Sie eine Erinnerung an das eben Durchlebte?‘ ‚Ich bitte‘, war meine Erwiderung, ‚gehorsamst um Vergebung. Ich war einen Augenblick etwas zerstreut.‘“ 
  3. „Herr und Hund“ (1919), des Herrn Rede an den Hund – Die idyllische Beziehung zwischen Herr und Hund gerät in eine Krise, als sie bei einem ihrer ausgedehnten Spaziergänge auf einen Jäger treffen, der Manns genug ist, eine der von Bauschan jahrelang vergeblich gejagten Enten zu schießen. Auf dem Heimweg bestraft der Hund seinen Herrn, der ihm solche Höhepunkte nicht bieten kann, mit demonstrativ gelangweilten Gähnen, dieser wiederum steigert sich in eine wütende – und urkomische – Ansprache: „Geh! Geh fort! Geh doch zu deinem Herrn mit der Donnerbüchse und schließ dich ihm an, er scheint ja nicht im Besitze eines Hundes, vielleicht kann er dich brauchen bei seinen Taten. Er ist zwar nur ein Mann in Manchester und kein Herr, aber in deinen Augen mag er ja einer sein, ein Herr für dich, und darum empfehle ich dir aufrichtig, zu ihm überzugehen, da er dir denn nun einmal einen Floh ins Ohr gesetzt hat, zu deinen übrigen.“
  4. „Lotte in Weimar“ (1939), Lottes Ankunft – Für die 50 Seiten des Gesprächs Lottes mit dem mauligen Hofrat Riemer fehlt mir die Geduld, aber das erste Kapitel, die Schilderung der Ankunft der Hofrätin Kestner in Weimar und des Sturms, den diese Ankunft erregt, lese ich immer wieder gern. – Der literarisch gebildete Kellner des Gasthofs „Zum Elephanten“ kann es kaum fassen, dass Werthers Lotte leibhaftig vor ihm steht. Die alte Dame wird böse, weil er vor lauter Enthusiasmus es kaum schafft, die Reisenden auf ihre Zimmer zu bringen, und wehrt alle sie selbst und ihre romanhafte Vergangenheit betreffenden Nachfragen mürrisch ab. Am Ende, zur vorläufigen Ruhe gekommen, schreibt sie jedoch an Goethe einen kurzen Brief: „Verehrter Freund! Zu Besuch meiner Schwester mit meiner Tochter Charlotte auf einige Tage in Ihrer Stadt, ist es mein Wunsch, Ihnen mein Kind zuzuführen, wie es mich denn freuen würde, wieder in ein Antlitz zu blicken, das, während wir beide, ein jeder nach seinem Maße, das Leben bestanden, der Welt so bedeutend geworden ist. – Weimar, Hôtel zum Elephanten, den 22. September 16. – Charlotte Kestner geb. Buff.“ 
  5. „Joseph der Ernährer“(1943), Vater und Sohn sehen sich wieder (das ist der Gipfelpunkt dieser Liste) – Jaakob verlor den Sohn, Rahels Erstgeborenen, das geliebte Lamm, als dieser 17 Jahre alt war, und hält ihn für tot. Joseph aber gelangt nach Ägypten, dient bei Potiphar, wird in das Gefängnis geworfen, steigt wieder auf zum Stellvertreter Pharaos. Hochbetagt sieht Jaakob den Sohn wieder. „Er ließ es nicht geschehen, dass Joseph ihm um den Hals fiel und sein Gesicht an seiner Schulter barg, wie er wollte, sondern hielt ihn von sich ab bei den Schultern, und seine müden Augen forschten und suchten bei schräg zurückgelegtem Haupt lange und dringlich mit Leid und Liebe in dem Gesicht des Ägypters und erkannte ihn nicht. Es geschah aber, dass sich dessen Augen langsam und bis zum Überquellen mit Tränen füllten; und wie ihre Schwärze in Feuchte schwamm, siehe, da waren es Rahels Augen, unter denen Jaakob in Traumfernen des Lebens die Tränen hinweggeküsst, und er erkannte ihn, ließ sein Haupt sinken an der Schulter des Verfremdeten und weinte bitterlich.“
  6. „Der Erwählte“ (1951), „Die Auffindung“ – Gregor, das Kind der schönen Zwillinge Wiligis und Sibylla, der willentlich-unwillentlich die eigene Mutter heiratete, hat siebzehn Jahre der Buße auf einem einsamen Felsen zugebracht. Nach monatelanger Reise sind zwei römische Patrizier auf diesem Felsen angekommen, da sie hoffen, hier oben den ihnen geweissagten künftigen Papst zu finden. Tatsächlich finden sie eine widerwärtige Kreatur, wenig größer als ein Igel, und müssen gewaltige innere Widerstände überwinden, bis sie in dem borstigen Scheusal den Retter der Kirche anerkennen und ihm den Schlüssel von Sankt Peter übergeben. Nach dem Willen Gottes wird das kleine Ding seine schöne Gestalt zurückerlangen und erhöht werden, über jedes menschliche Maß. – „Mit den verkümmerten Ärmchen drückte der Empfänger den Schlüssel an seine filzige Brust. ‚Holde Eltern‘, sprach er, ‚ich will euch lösen.‘“
  7. „Die Betrogene“ (1953), Rosemaries Tod – Rosemarie von Tümmler, eine reife Frau in den Wechseljahren, verliebt sich in den jungen Amerikaner Ken Keaton. Ihre Kinder sind peinlich berührt und wollen ihr die Sache ausreden. Davon lässt sich Rosemarie nicht beirren – und sieht sich bestätigt, als plötzlich ihre Periode wieder einsetzt. Die Blutung ist aber keineswegs die erträumte wundersame Verjüngung, sondern das Symptom einer weit fortgeschrittenen Krebserkrankung. Rosemarie nimmt ihr Schicksal an und sagt wenige Tage vor ihrem Tod zu ihrer Tochter: „Ungern geh‘ ich dahin – von euch, vom Leben mit seinem Frühling. Aber wie wäre denn Frühling ohne den Tod? Ist ja doch der Tod ein großes Mittel des Lebens, und wenn er für mich die Gestalt lieh von Auferstehung und Liebeslust, so war das nicht Lug, sondern Güte und Gnade.“

 

Nachtrag:

Auf diese Thomas-Mann-Liste habe ich Widerspruch erhalten. Wo ist der „Zauberberg“, warum erscheint „Doktor Faustus“ nicht auf dieser Liste? Und ein Besucher macht einen konkreten Vorschlag und ersetzt die Stelle aus „Herr und Hund“ durch eine aus dem „Zauberberg“:

(Statt oben 3.) „Der Zauberberg“, „Mein Gott, ich sehe!“. – Der junge Hans Castorp ist eigentlich für drei Wochen zu Besuch ins Hochgebirge gekommen, und bleibt sieben Jahre in dem Sanatorium Berghof, dessen Atmosphäre, dessen Gäste und Patienten ihn faszinieren. Der ärztliche Leiter des Sanatoriums, Hofrat Behrens, vermutet auch bei ihm eine Neigung zur Tuberkulose und sogar einen Krankheitsherd. Im „Durchleuchtungslaboratorium“ wird diese Diagnose bestätigt, und Hans Castorp gelangt zu einigen besonderen Einsichten… – „Das spätere Geschäft der Verwesung sah er vorweggenommen durch die Kraft des Lichtes, das Fleisch, worin er wandelte, zersetzt, vertilgt, zu nichtigem Nebel gelöst, und darin das ziemlich kleinlich gedrechselte Skelett seiner rechten Hand, um deren oberes Ringfingerglied sein Siegelring, vom Großvater her ihm vermacht, schwarz und lose schwebte ein hartes Ding dieser Erde, womit der Mensch seinen Leib schmückt, der bestimmt ist, darunter wegzuschmelzen.“

Ein „Zauberberg“-Fan war übrigens auch der Literaturhistoriker und Schriftsteller Walter Jens – und ein Fan der einsamen Insel: „Das ‚Buch der Bücher‘ ist für mich der ‚Zauberberg‘, das einzige Werk, das ich, neben dem Alten Testament, auf die berühmte Insel mitnehmen würde, die dem Schiffbrüchigen weder Menschen noch Bücher bieten kann.“

Ein anderer Leser meiner Liste möchte gern die Musterungsszene aus „Felix Krull“ durch das Gespräch des Titelhelden mit dem Paläontologen Professor Kuckuck im Nachtzug nach Lissabon ersetzen. Im Speisewagen trifft Felix, der im Auftrag und in den eleganten Kleidern des  Marquis de Venosta reist, auf einen älteren Herrn, „zierlich von Figur, etwas altmodisch gekleidet und mit grauem Bärtchen“, der ihn über die Geheimnisse der Erdgeschichte und die Wunder des Universums unterhaltsam aufklärt, z.B. über das Wesen und Walten der Dinosaurier: „…Burschen von einer Raumbeanspruchung, wie sie hienieden nicht schicklich ist… Also wohl nicht sehr sündig, trotz so vielem Fleisch? – Aus Dummheit wohl nicht…“ Oder: „Das Leben ist eine Episode, und zwar, im Maßstab der Äonen, eine sehr flüchtige. – Das  nimmt mich ein für dasselbe…“