Haiku der Woche 29/30 – 17./24. Juli 2022

Nun wieder ernster, nach den Scherzen der letzten Woche. Horst Ludwig, emeritierter Germanistik-Professor des Gustavus Adolphus College (St. Peter, Minnesota) ist beunruhigt und entsetzt angesichts der weltpolitischen Lage. Erinnerungen an 1945 drängen sich ihm auf, an die Flucht mit der Mutter. „Diese“, schreibt mir Horst Ludwig, „ganz einfache Frau war eine Heldin. Das geht mir erst jetzt in meinen Erinnerungen auf meinem Krankenlager auf.“

 

Auf den Gleisen hält
M
utti einen D-Zug an.
D
er nimmt uns noch mit. 

Horst Ludwig

 

Diese Erinnerung hat Horst Ludwig dann für die englische Ausgabe von Asahi, einer japanischen nationalen Morgenzeitung, aufgegriffen und in Form eines Haibun verallgemeinert:

 

All great heroes
in 
life-threatening fights long for
n
othing going on… 

 

April 1945, my mother, fleeing with my second brother and me from the approaching Soviet army, stepped on the railroad tracks, waving her arms to stop a last express train, so we still could get further west…
Still walking slowly through life, after a second hip replacement now, seeing from my wheelchair at an excursion at the Pacific a container ship beyond the horizon…

 

 

Auch Birgit Wendling sorgt und ängstigt sich. Noch ist das Grauen ja weit weg:

 

Sirenen heulen
samstags um zwölf Uhr mittags
zum Glück in Deutschland

Birgit Wendling

 

 

Die großen japanische Klassiker – Bashō, Buson, Issa, Shiki – haben wenig Haiku zum Thema Krieg geschrieben. Berühmt sind diese beiden Gedichte von Bashō:

 

Sommergras
i
st alles, was geblieben ist
v
om Traum des Kriegers.

 

Bemitleidenswert –
u
nter dem Helm
z
irpt eine Grille

Bashō

 

Shiki, der jüngste der vier Klassiker, war eine Zeitlang Kriegsberichterstatter: 

when guns fall silent
just a few swallows
t
here are left

Shiki

 

 

 

Das Gedicht von Birgit Wendling und das erste von Horst Ludwig sind Originalbeiträge. Bashōs Sommergras-Haiku ist hier ausführlich gewürdigt. Das zweite Bashō-Gedicht entnahm ich dem Aufsatz „The Anatomy of War Haiku“ von David Cobb, in der Übersetzung von Claudia Brefeld zu finden auf www.haiku.de, dem Online-Portal der Deutschen Haiku-Gesellschaft.

Hier noch einmal die Lebensdaten der erwähnten vier japanischen Klassiker:
Matsuo Bashō (1644-1694)
Yosa Buson (1716 – 1785)
Kobayashi Issa (1763 – 1828)
Masaoka Shiki (1867 – 1902)

Den Beitrag der letzten Woche, „Unter Schafen“, habe ich noch einmal erheblich erweitert. Die nächsten Haiku der Woche folgen erst in vierzehn Tagen.