Haiku der Woche 45

Yosa Buson (1716 – 1784) ist der zweite in der Reihe der „Großen Vier“ der japanischen Haiku-Dichtung, und auch er kommt in diesem Haiku-Jahrgang mit einigen Herbstgedichten zu Wort. Noch 2015 sorgte er in Japan für eine Sensation, als Haiku-Forscher in einer unbeachtet gebliebenen, zufällig in einem Antiquariat erworbenen Anthologie 212 bisher unbekannte Haiku des Meisters fanden.

 

Herbstliche Kühle.
Der 
Klang der Glocke, wenn er
die 
Glocke verlässt.

 

Das Alleinsein
mag doch auch Glück bedeuten.
Her
bstdämmerung.

 

Wie es mich durchfuhr!
Im 
Schlafraum trat ich auf den Kamm
meiner 
verstorbenen Frau.

 

Buson

 

Die ersten beiden Gedichte sind eigene Übersetzungen von Übersetzungen, nämlich – durchaus unterschiedlichen – englischen Versionen der japanischen Originale, verstreut im WWW zu finden.
Das 
letzte Haiku entnahm ich dem eindrucksvollen Aufsatz von Udo Wenzel „Gedankenlyrik – Erlebnislyrik. Ein Abgrenzungsversuch“ (aus dem Haiku-Jahrbuch „Gepiercte Zungen“, herausgegeben von Volker Friebel). Der Verfasser ergänzt tröstlich: „Bashō oder Buson hätten auf die Frage, ob ihre Texte immer auf ihren eigenen authentischen Erlebnissen beruhen, mit Verwunde­rung reagiert. Dies war keine Forderung der Dichtung ihrer Zeit. Busons berühmtes Kamm-Haiku beispielsweise entstand zu einer Zeit, als er noch verheiratet war. Seine Frau über­lebte ihn um 31 Jahre.“