Haiku der Woche 8

Während in japanischen Haiku oft das scheinbar Unscheinbare eine tiefere Erkenntnis, die dann schon nicht mehr ausgesprochen wird, auslöst, geht es in vielen italienischen Haiku (und gerade solchen, die nicht vollkommen belanglos sind) mit mehr grandezza zu. So auch in den Arbeiten Mario Chinis (1876-1959), die zwar in einer Sammlung namens Attimi („Augenblicke“) gesammelt wurden, aber oft deutlich auf einen grande stile zielen. So heißt es etwa in einem mit „Confessione“ betitelten Haiku, der Dichter „sei durch die ganze Welt gerannt, um drei kleine Noten Poesie zu ergreifen“. Auch das folgende, mit der Überschrift „L’Haikai“ versehene Werk trumpft pompös auf, bringt aber Idee und Anspruch bedeutender Haiku – mit opernhafter Übertreibung – brillant auf den Punkt. (Übersetzung von mir.)

 

In tre versetti
tutto 
un poema, e, forse,
tutta 
una vita.

 

In nur drei Versen
ein 
ganzes Gedicht – vielleicht:
ein 
ganzes Leben.

Mario Chini