Das Haiku aller Haiku
Im Jahr 2017 macht es vielleicht besonderen Sinn, sich mit den 17 Silben des japanischen Haiku zu beschäftigen. Zunächst biete ich ein Portrait des Haiku aller Haiku, des bekanntesten Gedichts von Urvater Matsuo Bashō (1644 – 1694), hier in der Übersetzung von Dietrich Krusche:
Der alte Teich
ein Frosch springt hinein
das Geräusch des Wassers
Bashō
So klingt das japanische Original, vorgetragen von Ryoko Morooka:
Das Gedicht, wohl im Frühjahr 1686 bei einem Dichtertreffen entstanden, muss sehr schnell sehr bekannt geworden sein, wie die vielen Nachahmungen und Reaktionen nur hundert Jahre später zeigen. Der Zen-Meister Sengai (1750 – 1830) zum Beispiel parodiert Bashōs Haiku auf die einfachst-mögliche Weise:
Der alte Teich
Bashō springt hinein
das Geräusch des Wassers
Sengai
Ähnlich humorvoll reagiert Sengais Zeitgenosse Ryôkan (1758 – 1831), ebenfalls ein Zen-Mönch:
Ein neuer Teich –
nicht einmal der Klang
eines reinspringenden Frosches
Ryôkan
Heute ist die Popularität dieser drei kurzen Zeilen, nicht nur in Japan, kaum zu überschätzen. Nach Bashōs Gedicht nennt die Haiku Society of America ihre Zeitschrift „Frogpond“ und ihre Web-Präsenz „online splashes“. Mittlerweile gibt es den Frosch – bei oldpondcomics [!] – auch als Comic Strip:

Im WWW finden sich unzählige Interpretationen von Bashōs Haiku – die komischste Interpretation (aus dem Kriminalroman „Miami Blues“ von Charles Willeford) findet sich hier.

Unzählig sind auch die Übersetzungen dieses Klassikers. Hier zunächst die kürzeste und die längste der mir bis jetzt bekannten Übersetzungen:
pond
frog
plop!
James Kirkup
Gestörte Stille
Ein stiller, öder Teich, ein träumerisches Ried.
Da – plötzlich rauscht’s im Wasser irgendwo: –
Ein Frosch, der kleine Kreise zieht.
Paul Lüth
Eine Rarität ist die Übersetzung ins Klingonische, hier exklusiv zu lesen und zu hören.
Bashōs Gedicht ist nicht nur übersetzt und interpretiert worden, es hat auch viele Kommentare oder Weiterdichtungen in Haiku-Form ausgelöst, zum Beispiel von Bernard Einbond (1937 – 1998):
frog pond –
a leaf falls in
without a sound
Bernard Einbond
Von Stephen Addiss (*1935) stammt eine bitter-komische Version, veröffentlicht 1998 in seinem Buch „Haiku People“:
Old pond paved over
into a parking lot
one frog still singing
Stephen Addiss
Die folgenden Gedichte, die alle mehr oder weniger deutlich auf Bashōs Klassiker Bezug nehmen, stammen aus unserem Jahrhundert:
to the frog
at the old well
I whisper „Jump!“
Leo Lavery
the frog’s pond
now a shopping mall –
sound of money
Anne LB Davidson
frog in the throat: otolaryngologist
Bob Lucky
a book
of frog haiku –
I jump in
Kristen Deming
Suche nach Haiku…
endlich ein erster Einfall
das Geräusch des Stiftes
Wolfgang Volpers und Herbert Weber
still glitzert der Teich
dreihundert jahre haiku
mein Frosch nimmt Anlauf
Inge-Monika Hofmann
der alte frosch
kein teich, der seinen fall
zu bremsen verstünde
Cornelius Reinsberg
Fast zum Schluss nun der uralte „goldene Teich“ im Garten des Saihō-ji-Tempels in Kyoto, ohne Frosch:

Das allerletzte Wort erhält Issa, neben Bashō einer der vier Großen der japanischen Haiku-Tradition:
Das Leben ist schön –
lauthals quaken
die Frösche.
Kobayashi Issa