Das Dorf hinter dem Tunnel – Von Campione del Garda nach Pieve und zurück

Am Lago di Garda gibt es wohl schönere Orte, aber keinen so kuriosen wie diesen: das Dorf Campione del Garda, auf einer kleinen, halbmondförmigen Halbinsel gelegen, direkt vor steil aufragenden Felsen, die jahrhundertelang den Zugang zur Ortschaft blockierten. Wenn man heute mit dem Auto nach Campione fahren will, muss man auf der SS45bis (der Gardesana occidentale) etwa auf halbem Wege zwischen Gargnano und Limone (bei Kilometer 94) eine Abzweigung mitten in dem von Mussolini befohlenen Tunnel erwischen. Wenn man aus den Felsen heraus ins Freie gelangt, ist man schon gleich mitten im Ort. Die Straße folgt dann dem Bogen des Lungolago, vorbei zunächst an modernen Sporteinrichtungen und Wohngebäuden, dann an Ruinen von Fabrikanlagen und einzelnen spektakulär verwahrlosten Gebäuden, kehrt dann wieder in einen Tunnel zurück.

Campione ist unbedingt eine Reise wert; die geschilderte Wanderung von Campione hoch auf die Ebene von Tremosine nach Pieve und zurück ist grandios.

 

 

Vor dem „Dom“ des Ortes, an prominenter Stelle also, findet sich die Büste eines Herrn vom Typ Kommerzienrat, die mit einer Inschrift versehen ist.

Auf deutsch etwa: „Vittorio Olcese, Pionier und Meister der Baumwoll-Industrie, gründete diese fleißige Ortschaft, indem er aus den heiligen Quellen der Arbeit und des Gemeinwohls die Vernunft, die Lebensfreude und den Stolz schöpfte.“

Ganz so, wie der unfassbare Pomp dieser Inschrift es uns glauben lassen möchte, wird es wohl doch nicht gewesen sein. In der Bar auf der zentralen Piazza erzählte mir Signor Alberto, sein Großvater habe in der Baumwollweberei jahrzehntelang ein „lavoro durissimo“ verrichtet, bis er mit 58 Jahren an Erschöpfung starb. Man habe ihn dann mit dem Schiff fortgebracht, da ja für die Toten kein Platz auf der kleinen Halbinsel sei. Tatsächlich ist im Inneren des Domes eine Inschrift zu lesen, in denen die Anwohner beklagen, dass sie ihre Toten nicht betrauern könnten, weil deren Gebeine so fern von ihnen seien. 

Arbeitslager oder Paradies? 1999 erzählten ehemalige Fabrikarbeiterinnen Nils Klawitter, einem Reporter der ZEIT: „Olcese war ein guter Arbeitgeber. Wir waren wie eine Familie. Es gab ein Kino, einen Kindergarten und ein Orchester mit 20 Mann.“ Der ZEIT-Reporter berichtet freilich auch, dass die beiden Frauen eher schrieen als erzählten – das Rattern der Maschinen hatte sie fast taub gemacht.

Tatsächlich war Campione bis 1930 nur über das Wasser zu erreichen gewesen, alle Materialien, alle Produkte, auch die Menschen kamen und gingen per Schiff. Die Arbeit in dem Örtchen muss also etwas von Gefangenschaft gehabt haben, zumal die Anlagen der Weberei derart raumgreifend waren, dass etwa für eine Grünanlage oder einen Badestrand kein Platz war, so wenig wie für die Toten.

 

Der Fluss San Michele, dessen Ablagerungen Campione seine Existenz verdankt, teilt das Örtchen in zwei Hälften.

Der nördliche Teil, wo früher die Arbeiter und Arbeiterinnen wohnten, wird heute dominiert von Wassersportanlagen und kasernenartigen Wohnhäusern mit Ferienappartements, der südliche Teil von den Ruinen der 1981 endgültig stillgelegten Fabrik. Von ihr stehen nur noch die Umfassungsmauern, in deren Inneren sich vor allem Park- und Abstellplätze für Yachten und Wohnmobile befinden. Ich habe den Ort zu unterschiedlichen Jahres- und Tageszeiten besucht und immer Zäune und Absperrungen gesehen, aber nie irgendeine Bautätigkeit bemerkt. Die Sonne, die auch im Hochsommer um vier Uhr nachmittags hinter den ungeheuren Felstürmen verschwindet, bescheint auch das marode Schulgebäude, an dem noch die Parole zu lesen ist: „Libro e moschetto – fascista perfetto“. Der Lungolago, der von Norden nach Süden durch das Örtchen leitet, ist auch nach der neuesten Renovierung kein Schmuckstück.

Nach der Stilllegung der Weberei interessierten sich verschiedene Investoren für den Ort – eine Zeit lang war sogar ein Luxusresort geplant, mit einer Seilbahn, die die Gäste auf die Golfplätze der Hochebene von Tremosine, 400 Meter über Campione, hätte bringen sollen. Aus all diesen Plänen ist nichts geworden, die vielen Verkäufe und Wiederverkäufe von einem Investor an den nächsten führten zu nichts. Es hat sich bis heute, schreibt Wiki, „an der baulichen Situation und den Perspektiven für den Ort nichts geändert. Das neue Tunnelportal Richtung Riva del Garda ist nach wie vor nicht freigegeben, die bis dato fertiggestellten Apartments stehen leer, das Parkhaus ist nach einem Felssturz gesperrt. Im November 2014 lösten sich aus der Felswand ca. 15.000 m³ Gestein und brachen durch drei Decken bis auf die unterste Parkebene. Durch das Dorf verläuft eine imaginäre rote Linie. Alles, was hinter dem Marktplatz liegt, darf nicht bebaut und sollte zur eigenen Sicherheit nicht betreten werden.“

 

Wenn man aber doch die rote Linie überschreitet und von der zentralen Piazza über eine kleine Fußgängerbrücke nach Südwesten geht, gelangt man, sich vom See ab- und den Felsen zuwendend, in wenigen Schritten über eine Steintreppe und eine weitere Fußgängerbrücke zum Eingang der vom San Michele aus den Felsen gewaschenen Schlucht und zum Beginn eines traumhaft schönen (allerdings „escursionisti esperti“ vorbehaltenen) Wanderweges. Auf Jahrzehnte alten Treppen und in den Fels geschlagenen Pfaden, einmal auch durch einen niedrigen Fußgängertunnel, geht es steil bergauf – und es gibt unglaublich viel zu schauen: in der Schlucht die verfallenden wassertechnischen Anlagen, nach Osten, aus der Schlucht heraus, die immer spektakulärer werdenden Ausblicke auf den See und das Monte-Baldo-Massiv am gegenüber liegenden Ufer. Man folgt den rot-weißen Beschilderungen auf dem Weg 267 Richtung Pregasio und gelangt nach etwa eineinhalb Stunden an den Rand der Hochebene von Tremosine, zu einer geteerten Straße und gepflegten, akkurat terrassierten Olivenhainen. Die Straße führt  weiter aufwärts, bis man zur rechten Hand einen kleinen Schilderbaum sieht mit Hinweisen nach hier und da – ausgerechnet der entscheidende Hinweis „Pieve 202“ findet sich aber auf der der Straße abgewandten Seite des kleinen Schildes und ist erst dann zu entziffern, wenn man den unscheinbaren Pfad bereits betreten hat. Dieser Pfad, der ebenfalls rot-weiß markierte Weg 202, führt bergauf, bergab, durch Olivenhaine und Buchenwäldchen, an Ferienhäusern vorbei (die ganz überwiegend in deutscher Hand zu sein scheinen) bis nach Arias, wo man eine mittelschöne Kirche ansehen kann, und dann weiter zur Autostraße nach Pieve. Nach etwa 20 Minuten auf dieser Straße gelangt man nach Pieve di Tremosine, dem Hauptort der Hochebene, findet dort ohne Mühe den Marktplatz und dahinter das Hotel Miralago und die Bar Tremosine. 

Campione Mirolago

Die Lage des Restaurants ist hinreißend, die dort angebotenen Speisen sind es nicht. Am besten geht man, nachdem man die außerordentliche Aussicht bewundert hat, gleich hinter der Bar die wenigen Schritte zum Weg 201 nach Campione. Der Abstieg in engen Kehren den steilen Felsen hinunter – teilweise auf Stufen, teilweise ausgesetzt auf lockerem Geröll – ist gefährlich und anstrengend, und ebenfalls nur den „escursionisti esperti“ empfohlen. Vielleicht hilft die Madonna, die den Wanderer nach den ersten Wendungen und Windungen neben einer kleinen Grotte erwartet. Kaum glaublich, dass in der Zeit vor dem Tourismus einige Bewohner der Hochebene diesen Pfad zweimal täglich, vor und nach der Arbeit in der Baumwollfabrik, gegangen sind.

Unten, einige Dutzend Meter über dem See, findet man die aufgegebene, mit Geröll und Felsbrocken übersäte alte Straße von Pieve nach Campione und mag sich entscheiden, ob man noch einen Abstecher zu den Überresten des alten Hafens von Tremosine macht oder gleich nach Süden in Richtung Campione wandert – beides ist ausgeschildert. Nach dem steilen Abstieg ist es jedenfalls ein Genuss, die malerisch verfallene Straße zu gehen, auch wenn man wegen der sich nach oben kämpfenden Wurzeln und den Resten des einen oder anderen Felssturzes acht geben muss. Nach einem Tunnel und einer Galerie tritt die Felswand zurück und man hat Campione vor sich, nämlich den nördlichen, den touristischen Teil des Örtchens. Gleich kann man sich auf der Piazza etwas erfrischen, bevor man dann auf einer der drei Brücken über den San Michele in die Ruinenwelt der ehemaligen Baumwollweberei zurückkehrt und auf dem riesigen Parkplatz sein Auto auslöst, um an den spektakulär verwahrlosten Häusern vorbei- und in die Tunnelwelt einzufahren und so Campione del Garda zu verlassen.

 

 

 

Der Artikel „Das verkaufte Dorf“ aus der ZEIT Nr. 43/1999 findet sich im Archiv von ZEIT ONLINE. Aus dem Campione-del-Garda-Artikel der deutschen Wikipedia stammt nicht nur das längere Zitat in der Mitte dieses Beitrags, sondern auch das den Beitrag eröffnende (von gegenüber, vom Monte Baldo aus, geschossene) Photo von „pwagenblast“. Das Photo des Lungolago  von „flomuxxx“ verdanke ich der italienischen Wikipedia. Alle anderen Photos sind von mir. – Herzlichen Dank an Peter Marmein, der mich auf diesen Ort mehrfach aufmerksam machte. – Die Route der Wanderung folgt einer Empfehlung aus „Gardasee – Wanderführer mit 35 Touren“ von Florian Fitz, im Michael Müller Verlag erschienen. Wer diesen Weg nachgehen möchte, dem empfehle ich leichte Handschuhe, auch im Sommer: An dem Sicherungsdraht, der besonders heikle Stellen begleitet, kann man sich leicht die Haut aufreißen. – Eine ebenfalls beeindruckende Wanderung in der Nähe ist hier beschrieben.

 

 

N. Eichholz schrieb:
Danke für den Bericht! Eine skurrile Geschichte und eine herrliche Landschaft; die Abenteuerlichkeit der Wege ähnlich der Sächsischen Schweiz. Ein Orchester mit 20 Mann? Das Rattern der Maschinen hatte sie fast taub gemacht? Praktisch, da mussten die Musiker nicht so sauber spielen …